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Aktualisiert am 01.05.2010

 

Asel gegen Ende des 18. Jahrhunderts

Neuigkeiten aus alten Papieren Von Jan Siefke Kunstreich, Strande

Der Heimatgeschichtliche Arbeitskreis Asel kündigte im April 1990 die Herstellung einer Dorfchronik an1); da ist es an der Zeit, den bisher ungedruckten, Asel betreffenden Abschnitt zu veröffentlichen, der sich im sogenannten „Manuskript von 1795“ befindet. Diese zeitgenössische, leider anonyme „Beschreibung der Kirchspiele und Örter Wittmunder Amts“ vom ausgehenden 18. Jahrhundert im Besitz der Emder Kunst2), ist offenbar unseren beiden wichtigsten älteren Heimatkundigen, Fridrich Arends (1782-1861)3) und Otto G. Houtrouw (1838-1933)4) unbekannt geblieben.

Auch Heinrich Reimers (1879-1962), in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts Ostfrieslands gründlichster Regionalhistoriker, dürfte von der Existenz dieses „Manuskriptes von 1795“ keine Kenntnis gehabt haben – anderenfalls hätte er es gewiß in der Einleitung zu der von ihm 1930 herausgegebenen „Landesbeschreibung vom Harlingerland“ des Balthasar Arend (1640-1687) erwähnt, zumal er sich dort ausführlich mit dem bedauerlichen Fehlen einer Wittmunder Amtsbeschreibung aus dem 18. Jahrhundert befaßt, wie sie 1734 vom Fürsten Georg Albrecht eingefordert und für das Amt Esens schon 1735 ausgeführt worden ist5).

Schon in früheren Jahrgängen unseres Harlinger Heimatkalenders sind diejenigen Abschnitte des genannten Manuskripts, die sich auf den Marktflecken Wittmund beziehen, veröffentlicht worden6); das dort über die Schwierigkeiten einer Entzifferung der flüchtigen Handschrift7) Gesagte gilt auch für die nachstehende buchstabengetreue Transkription der Beschreibung des Aseler Kirchspiels: nicht eindeutig lesbare Wörter sind durch ein in Klammern gesetztes Fragezeichen – (?) – gekennzeichnet; drei Punkte in Klammern – (…) – bedeuten, daß die Textstelle durch darüberhinweggeschriebene Korrekturen und/oder allzu große Flüchtigkeit unleserlich ist. Auch bringt es die Vorliebe des Schreibers für Schachtel- und Periodensätze mit sich, daß er gelegentlich den Faden verliert. – Hier nun der Wortlaut des Manuskriptes:

Das Kirchspiel Asel
Grentzt Süd Seits am Amte Friedeburg und Jeverland, westseits an Wittmund, Ostseits am Jeverland, wovon des durch den Grentz Wall, die Süder Wendung getrennt wird, und Nord Seits theils an die Wittmunder und theils an die Eggelinger Lande. Es ist das nächste Kirchspiel am Flecken und nächst Blersum das kleinste. Es enthält 900 Diemath Landes, wovon das meiste Marsch land doch sehr niedrig und dem Wasser zu Herbst und Früh iahres Zeiten ausgesetzt ist. Im Kirchspiel liegen 16 volle und 2 halbe Plätze. Dies (?) Klei land ist von allem Marschland ohnstreitig zu aller erst eingedeicht. Der Nahme Asel soll nach Harkenroth8) auß dem Friesischen A, das Wasser, und Salt, Solt, Selt, das saltzige Wasser, so vor der Eindeichung auf dem niedrigen Boden des Kirchspiels stehen blieb, nach einer anderen Tradition aber aus Asylum, da die dortige Kirche an der Grentze der Herrschaft Jever und als auf einer Anhöhe erbauet, und mit einem Wall um den Gottes Acker umgeben, den dorthin flüchtenden Verbrechern und unvorsetzlichen Todtschlägern besonders aus dem Jeverschen leichteren und vorzüglichen Schutz in den katholischen Zeiten verlieh. Und scheint diese Herleitung, weil damals alle Kirchen zu Freistätten dienten, und fehdelose Warfen hießen, die richtigere zu seyn. Die Örter des Kirchspiels sind:

Das Kirchdorf
Ubbo Emmius9) giebt die Entfernung von Wittmund auf 1500 (…), ieden Schritt, wie man vormahls rechnete zu 5 Fuß, an. Es enthält 27 Warfhäuser und 13 große und kleine Plätze, welche großentheils einen Kleiboden haben, eine gantz von Quadersteinen aufgeführte Kirche mit Glockenthurm und die Wohnungen des Predigers und Küsters. Der Häußling ernährt sich haubtsächlich vom Leinen Weben, und dem Victualien Verkauf nach der Stadt Jever und dem Flecken Wittmund. Der Ort hat einen Krämer und Bierbrauer. Die Einkünfte der Prediger steigen und fallen hier, wie bei allen im Amte, nach Verhältniß des Preises der Früchte und Butter, weil solche haubtsächlich aus der Nutzung und Pacht von dem der Pastorei zugelegten Lande und den Prediger gehältern an den Früchten und Butter bestehen. Im Durchschnitt steht der Prediger sich auf 250 rthl jährlichs. Mamme Folckardus war der 1te Evangelische Prediger daselbst von 1534 bis zu seinem Tode 1576. Er wurde von dem Papistischen Drost von Esens und Wittmund Berend von Hakvort in seiner 1ten Stelle zu Ahrdorff, wo er die Evangelische Lehre annahm, abgesetzt, darauf aber statt der Genehmigung von dem Häubtling Balthasar nach Asel berufen.

Klinge
Ein vormals Herrschaftliches Vorwerk oder Graßhaus von 62 Diemathen Marsch landes, Nordseits gegen und etwas vor dem Kirchdorf belegen, ietzt adlich freies Guth iedoch ohne Jagdgerechtigkeit, und mit einer bei der Überlassung von vormaliger Herrschaft mit Befreiung von allen Abgaben an/von (?) der Rentei darauf gelegten Recognition10) in Sterb und Veränderungs fällen von 500 rthl belegt. Vormals war es zu Wittmund eingepfarret, daher es dahin sowohl als zu Asel die Prediger und Küster gehälter bezahlet. Gleich den anderen Vaswallen ‚Gütern mus bei ieder Landes Huldigung die Erneuerung und Besättigung der adlichen Freiheiten nachgesucht werden, und mus der Besitzer mit den anderen adlichen Besitzern Harrlinger landes in corpore11) dem neuen Regenten den homagial Eid12) leisten. Ob die Klinge indes, da es keine anderen Vorrechte als Befreiung von Herrschaftlichen Lasten genießet, die den adlichen Gütern obliegenden Roßdienste in Freuden und Trauer Fällen dem landesherrn mitleistet, kann ich nicht sagen.

Groß-Hornum
zum Unterschied von Klein-Hornum im Eggelinger Kirchspiel so genannt. Es liegt ostseits gegen die Klinge aber zwischen diesem Guthe und dem Schlüß. Das Hornumer Land war ohnstreitig das erste welches das Amt Wittmund durch Eindeichung gewann. Es liegt Barums im Eggelinger Kirchspiel, wo der erste See Hafen angelegt worden, gegenüber, und ist aus den Wörtern Horr und Ur, welches einen starken beim Pflügen in harte Klöße zerfallenden Boden, und Hum, ein Hauß, zusammen gesetzt. Das Groß-Hornum enthält 2 Plätze, wovon der gröste, 94 Diemath gros, vormals ein Herrschaftliches Vorwerk oder Graßhauß war, welches nachher in Erbpacht ausgethan worden. Es befindet sich dabei ein Land Wasser Mühle, die durch einen mit Wind Flügeln umgetrieben werdenden Schnecken Gang, wie gewöhnlich, das Wasser vom Lande weg schafft, indem man einen oder mehrere in gesellschaft wirkende (?) niedrig liegende Plätze mit einem Wall umgiebt, innerhalb verschiedene Canäle zieht und mit einem bis in die Mühle gehenden in Verbindung setzt, das aufgepumpte Wasser aber durch eine Röhre in Leyde oder Haubt Abfluß Canal des Kirchspiels oder dem allgemeinen Tief gezogenen Graben ableitet. Eine solche Wasser kostet, nach der Größe zwischen 300 bis 1000 rthl. Auch Groß Horum (sic!) entrichtet, als vormals zum Wittmunder Kirch Sprengel gehörig, dahin und Asel zugleich Prediger und Küster Gefälle13).

Die Barg
gleichfalls ein Marsch Platz mit einer Wasser-Mühle. Ostseits von der Jeverschen Grentze und von dem

Schlüß
in dessen nähe nach der Nord Seite der eine Platz, denn der 2te gehöret zu Eggelingen. Der Nahme Schlüß beweiset übrigens, das daselbst vor Alters eine See Schleuse gewesen seyn mus. Zwischen dem Schlüß und dem Kirchdorf liegt noch ein halber Platz, der aber keinen eigenen Nahmen führet.

Die Hörst
bestehet aus 4 Warfstätten Süd Seits an Friedeburger Amt grentzend.

Bei Asel ist zu bemerken, daß daselbst, Süd Seits, 2 der Cankenaschen Familie zugehörte Burg und auf aufgeworfener Hügel, die Warf genandt, zu Zeiten der alten Friesen der Gerichts Platz gewesen seyn soll. Das gantze Kirchspiel begreift (?) 18 Plätze, 7, 5 und 3 Diemathe (…) und 7, 2 und 1 Diemt unbefriedigte (?) Gast Stücke, überhaubt aber 58 Häuser, 285 Diemath Marsch und 609 Diemathe Gastlandes. Das Meiste Marschland mus wegen seiner niedrigen Lage zu grün, und dieses vornehmlich zu Mähen genutzt werden. Ein altes Sprich Wort, da auf die Frage, wo niemand sein wolle, erwiedert wird, nach dem Aseler Gänse Markt, beweiset, wenn auch kein Markt daselbst statt gefunden, daß daselbst in dem niedrigen Lande eine Menge Gänse geweidet seyn müssen, so wie daselbst und zu Eggelingen noch die meisten Gänse im Amte gehalten und (…) werden.

Anmerkungen:
1)        Friesische Heimat, 6. Beilage zum „Anzeiger für Harlingerland“ v. 21. April 1990
2)        Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden:
         Mskr. 439
3)        F. Arends, Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes, Emden 1824 (Reprint Leer 1972)
4)        O. G. Houtrouw, Ostfriesland / Eine geschichtlich-ortskundige Wanderung gegen Ende der Fürstenzeit, Aurich 1889/1891 (Reprint Leer 1974)
5)        H. Reimer (Hg.), Balthasar Arends Landesbeschreibung vom Harlingerland, Wittmund 1930, S. 21 f.
6)        Harlinger Heimatkalender (HHK) 1980, 1983, 1986 und 1987
7)        Vgl. HHK 1983, S. 26: Originalgroße Wiedergabe eines Ausschnitts der Handschrift von 1795
8)        Jakobs Isebrand Harkenroth (1676-1737), Oostfriesche Oorsprongkelykheden, Groningen 1731
9)        Ubbo Emmius (1547-1625), Rerum Frisicarum historia, Leiden 1616
10)       Anerkennung, Beglaubigung
11)       insgesamt, geschlossen
12)       Lehnseid, vgl. frz. Hommage
13)       Abgaben

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Stephan Janßen
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