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Aktualisiert am 01.05.2010

 

Das Harlingerland in der großen Weltgeschichte
Die Rolle des Österreichischen Ministers von Kaunitz Rietberg

Vom 10. April 1976

Zu Ostfriesland gehört das Harlingerland, ein interessantes, schönes und in früheren Jahren wegen der Fruchtbarkeit der Marsch nicht ganz unbekanntes Fleckchen Erde. Im Vergleich zu anderen Ländern ein winziger Stecknadelkopf. Dennoch hat es in der Weltgeschichte eine nicht ganz unbedeutende Rolle gespielt. Diese kaum glaubhafte Tatsache hängt indirekt mit dem Siebenjährigen Krieg zusammen, mit dem Krieg gegen „drei Unterröcke“, wie Friedrich der Große einmal scherzhaft gesagt haben soll. Maria Theresia konnte den Verlust der reichen und schönen Provinz Schlesien nicht vergessen. Sie fühlte sich äußerst gedemütigt und sann darauf, Friedrich dieses herrliche Land wieder zu entreißen.

Um diesem Ziele näher zu kommen, bedurfte es geschickter und geheimer diplomatischer Verhandlungen. Nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg von 1740 bis 1748 bereitete sie einen Gegenschlag vor. Sie schuf ein vortreffliches Heer, verbesserte das Rechtwesen und die Finanzen. In aller Stille wurden ebenfalls Bündnisse geschlossen. Die Zarin Elisabeth von Russland schloß sich zu gerne dem Bündnis an, denn Friedrich der Große hatte über ihren Lebenswandel bei allen möglichen Begebenheiten viele Witze gemacht. Vor allen Dingen lag Maria Theresia daran, Frankreich gegen Preußen umzustimmen. Um dieses zu bewerkstelligen, konnte sie keinen besseren Berater finden als ihren ersten Minister Graf Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg. Er ging als österreichischer Bevollmächtigter nach Paris. In Frankreich wurde damals Ludwig XV. von seiner Maitresse, Frau von Pompadour, beherrscht. Minister von Kaunitz-Rietberg gelang es, sich bei dieser „Dame“ anzuschmeicheln, so daß ein Bündnis gegen Preußen zustande kam.

Warum hatte nun der österreichische Minister ein so großes Interesse an der Niederlage Friedrich des Großen? Es war nicht allein die Liebe zu Österreich, die ihn dazu trieb, es waren auch egoistische Gründe. Durch den Frieden auf Schloß Hubertus kam Schlesien zu Preußen und nach dem Erlöschen des Mannesstammes hatte Friedrich der Große nicht nur das eigentliche Ostfriesland in Besitz genommen (die Anwartschaft darauf war ihm rechtlich verliehen) er hatte sich auch das Harlingerland angeeignet.

Wenzel Anton war der Sohn des Grafen Maximilian von Kaunitz. 1699 hatte sein Vater die Erbin der Grafschaft Rietberg in Westfalen geheiratet. Sie hieß Maria Ernestina Franziska und war die Urenkelin des Grafen Johann, ein Bruder des Grafen Enno III. von Ostfriesland. Johann hatte die Tochter seines Bruders, Sabina Catharina geheiratet und mit ihr die Grafschaft Rietberg bekommen. Ihre Mutter war Walburg, Gräfin von Rietberg und Herrin von Esens, Stedesdorf und Wittmund gewesen. Nach deren Tod hatte Enno III. mit seinen beiden Töchtern, Sabina Catharina und der jüngeren Schwester Agnes, 1600, den „Berumer Vergleich“ abgeschlossen.

Beide Mädchen verzichteten darin auf das Harlingerland. Sabina Catharina erhielt dafür die Grafschaft Rietberg und 35 000 Taler während Agnes mit 165 000 Taler abgefunden wurde. Sie hat sich dann 1623 mit dem in den Fürstenstand erhobenen Herrn von Lichtenstein, Gundaccarus, vermählt.

Doch die Nachkommen von Gundaccarus, die Fürsten von Lichtenstein und die Nachkommen von Johann, dem Grafen von Rietberg, dachten nicht daran, den oben erwähnten Vergleich anzuerkennen. Die beiden Töchter wären übervorteilt worden, so meinten sie. Prozesse bis zum „Reichshofrath“ in Wien wurden geführt, doch zu einer Entscheidung kam es nicht. In der dem preußischen Königshause verliehenen Anwartschaft von 1694 war jedoch ausdrücklich festgelegt worden, „daß diese Bewilligung von Kaiser und Reich für das Haus Hohenzollern den Rechten der Häuser Lichtenstein und Kaunitz-Rietberg auf Harlingerland durchaus unschädlich sein sollte“ (Klopp Ostfriesische Geschichte II 575). Harlingerland war nämlich ein sogenanntes Kunkellehen, es konnte auf Frauen vererbt werden.

Außerdem war das Land nicht mit Ostfriesland vereinigt gewesen, denn Harlingerland hatte weder teilgenommen an den Ostriesischen Concordaten von 1599 noch an dem Osterhusischen Vergleich von 1611. Dieser Vergleich wurde als das „Ostfriesische Staatsgrundgesetz“ angesehen.

Auf diese Tatsachen berief sich nun lautstark Graf Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg. Er betrachtet das Harlingerland als ein rechtmäßiges Erbe von seiner Mutter her. Maria Theresia hatte bereits vor Beginn des neuen Krieges ihrem für sie tüchtigen Minister das Harlingerland versprochen. Minister von Kaunitz-Rietberg gilt als Hauptanstifter der kriegerischen Auseinandersetzungen, die dann folgten. Indirekt hat so das kleine Harlingerland eine gewichtige Rolle gespielt. Trotz des von Kaunitz angestifteten, gefährlichen und mächtigen Bündnisses blieb Friedrich der Große Sieger, Preußen wurde Weltmacht, Schlesien und das Harlingerland blieben bei den Hohenzollern.

 

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Stephan Janßen
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