1. Heimatbeilage Januar 2008
5 junge Männer aus Werdum
vor 240 Jahren im Baltrumer Watt
ertrunken
Rainer Hinrichs: Beim Durchblättern des Werdumer Ortssippenbuches auf eine Tragödie gestoßen
Jeder Ahnenforscher wird das kennen: Da blättert man so in alten Kirchenbüchern oder wo sie bereits abgeschrieben sind, in den Ortssippenbüchern und findet dann auch mal Passagen, in denen etwas mehr über die Geburts- oder Todesumstände einer Person geschrieben steht.
Durch meine Tätigkeit für den regionalkundlichen Bereich Werdums ist mir bei einem solchen Durchblättern des Werdumer Ortssippenbuches eine Geschichte aufgefallen, die es lohnt, einmal etwas näher zu betrachten:
Unter der Nr. 4527 ist verzeichnet ein Rolf Janssen, geb. am 24. Januar 1741 auf dem Großen Werdumer Grashaus. Damit ist das heutige Altwerdumer Grashaus gemeint, in dessen Nähe schon in der Häuptlingszeit die sog. Sieboldsburg gestanden hat, die aber im 17. Jahrhundert nicht mehr vorhanden war. Sein Vater Jan Janssen (1701 – 1762), verheiratet mit Idje Tiden, war zu jener Zeit Heuermann, also: Pächter, auf dieser fürstlich-ostfriesischen Besitzung mit damals 130 ha (Erkenntnisse aus „Die Weinkaufsprotokolle des Amtes Esens“, Herd 4a mit 229 Diemat). Um 1750 zog die Familie dann nach Werdumer Altendeich, wo ein anderer Pachthof bewirtschaftet wurde.
Dieser junge Mann, seit 20. Juni 1767 mit Aisse Fulfs (1739 – 1770) aus Werdumer Altendeich verheiratet und seit 7 Monaten Vater eines kleinen Sohnes Jan, ist am 4. Februar 1768, vor nunmehr also 240 Jahren, im Watt vor Baltrum ertrunken.
Im Kirchenbuch ist dazu verzeichnet:
Ertrunken: Rolf Janssen, der sich bei seinem Schwiegervater Fulf Hayungs (1694 – 1776) bis hiezu aufgehalten, hat sich am 2. Februar nebst 4 anderen jungen Leuten, nämlich
Ulferd Fulfs (* 11. 11. 1748), Sohn von Fulf Hayungs, Erbg. auf dem Alten Deich, Kirchen- und Armenvorsteher in Werdum
Habbe Hinrichs (* 5. 2. 1747), Hinrich Habben (1707 – 1781), Hausmann auf dem Alten Deich
Jan N., des Hinrich Habben Schwester Sohn und
Nicolas Anton, des weiland (= verstorbenen) Anton Nicolas, gewesenen Küsters in Thunum Sohn,
auf die Reise nach der Insel Baltrum, woselbst sie ein gestrandetes Schiff vom Strande abarbeiten wollten, begeben, und ist, da er nebst seinen 4 Reisegefährten den 4. ejusdiem (= denselben Tag) wieder von der Insel zu Fuß übers Watt bei schon seiender Flut nach dem festen Land zurückkehren wollen, zwar anfänglich bei wahrgenommener Unmöglichkeit vor oder rückwärts zu kommen, nebst denselben auf ein Feld Eis geflüchtet, als aber durch die wachsende Flut dasselbe driftig geworden und bei der Ebbe in die See geführet, teils durch die grimmige Kälte schon, teils aber in den Meereswellen vermutlich noch an demselben Nachmittage erbärmlich samt den gemeldeten 4 Personen ums Leben gekommen. 3 Wochen nachher ist sein und des Ulferd Fulfs Körper auf Langeoog wieder gefunden, hierher gebracht und den 10. März begraben. Alter 27 Jahr, 11 Tage.
Bekannter als dieses Unglück ist das des Timmeler Seefahrtsschülers Tjark Evers, der auf der Heimfahrt nach Baltrum zu Weihnachten 1866 – also knapp 100 Jahre später – von seinen Kameraden im Seenebel versehentlich auf einer Sandbank statt auf seiner Heimatinsel Baltrum ausgesetzt wurde und später ebenfalls jämmerlich ertrunken ist. Die letzten Lebensstunden sind nachzulesen in einem Abschiedsbrief, der später gefunden wurde und heute im Baltrumer Inselmuseum aufbewahrt wird.
Bei diesen Unglücken wird uns immer wieder die Tücke der vor uns liegenden Nordsee mit ihren Gezeiten bewusst, bei der man gar nicht Vorsicht genug walten kann. Ein jeder sei aufgerufen, diese Vorsicht immer im angemessenen Maß zu berücksichtigen und lange Wattspaziergänge nur mit ausgebildeten Wattführern durchzuführen!
Wenn man das oben genannte Unglück mit seinen Opfern weiter untersucht, kann man mit den beiden oben genannten Hilfsmitteln weitere Informationen über die Herkunft der betroffenen jungen Männer erhalten:
So stellt man – auch unter Zuhilfenahme des entsprechenden Ausschnittes aus der Regemort-Karte von 1670 fest, dass Habbe Hinrichs und Ulferd Fulfs Nachbarn waren. Die Herkunftshöfe dürften die heutigen Höfe Osterkamp und Hinrichs in Werdumer Altendeich sein.
Der Vater von Rolf Janssen dürfte seinen Pachthof ebenfalls in der Nähe gehabt haben, ist jedoch nicht in den Weinkaufsprotokollen verzeichnet, so dass von einer ausgeprägten Eigentümerstellung nicht ausgegangen werden kann.
Auch für Habbes Vater Hinrich Habben, ursprünglich aus Pansath bei Holtgast
stammend, der vermutlich den heutigen Hinrichs-Hof bewirtschaftete, dürfte allenfalls eine Pächterstellung anzunehmen sein: In den Weinkaufsprotokollen ist eine Eigentümerstellung erst nach seinem Tod im Jahr 1784 festzustellen. Dort ist unter Herd 27, 73 Diemat groß, verzeichnet:
15. 7. 1784 ist der weil. Witwe Gretke Peters (um 1720 – 14. 11. 1783) Platz öffentlich von Hinrich Habben erstanden und auf
seinen Schwiegersohn Gerd Folckers (um 1750 in Westbense – ca. 1800) angegeben.
Im Jahr 1803 ist aufgrund des frühen Todes von Gerd Folckers und hinterlassener Witwe mit 6 Kindern, davon 5 minderjährig, der Hof an die heutige Eigentümerfamilie Hinrichs verkauft worden. Weitere Einzelheiten sind der Broschüre „Von Hof zu Hof - Van Plaats to Plaats“, Hof 5 zu entnehmen, in der die weitere Familiengeschichte nachzulesen ist.
Die Vorfahren der Frau von Hinrich Habben, Tomke Burchards Hartmann (1720 – 1788), stammen von dem heutigen Rieken-Hof, der in der o. g. Broschüre ebenfalls beschrieben ist (Herd 25, 63 Diemat groß) und den der Bruder Onne Janssen Hartmanns (1722 – 1790) und für einige Monate dessen Sohn bis zu dessen Tod bewirtschaftet haben, bevor er durch Heirat ebenfalls in die Familie Hinrichs und später durch Kauf an die jetzige Eigentümerfamilie Rieken überging. Es ist daher auch durchaus möglich, dass die Habben-Familie auf dem heutigen Riekenschen Hof als Pächter gewirkt, bevor der heutige Hinrichs-Hof erworben werden konnte.
Da die Informationen über Pächterfamilien recht dürftig sind, können die tatsächlichen Umstände nur vermutet werden. Interessant ist aber, welche Informationsfülle aus einem Fragment von vorhandenen Daten gezogen werden kann. Die Ahnenforschung wird zu einer Spurensuche und damit erst richtig plastisch und interessant.
Quellen:
Heyko Heyken, Weinkaufsprotokolle des Amtes Esens, 1554 – 1811, Aurich 1998
Ludwig Janssen, Ortssippenbuch Werdum, Aurich 1975
Eberhard Pühl, Alte Backsteinbauten in Ostfriesland und im Jeverland, Oldenburg 2007
Rainer Hinrichs, Von Hof zu Hof – van Plaats to Plaats, Werdum 2007
Karten:
Johann Baptist Regemort, Vermessung des Alten Amtes Esens 1670, Vogtei Werdum: StA Aurich, Rep 244 C Nr. 2818
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Stephan Janßen
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