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Aktualisiert am 01.05.2010

 

„Die Klinge“ bei Asel wird bereits im Jahre 1124
urkundlich erwähnt

Von Wilfried Janßen

Ein besonderer Glücksfall für die Wittmunder Ortschaft Asel in geschichtlicher Hinsicht ist die Anlegung eines „kirchlichen Anwesens“ in unmittelbarer Nähe des Dorfes. So werden am 27. September 1124 dem Kloster Rastede durch eine päpstliche Bulle seine Besitztümer im hiesigen Raum bestätigt 1), und dort finden wir dann „Villa anaclingun triginta marcas canonum“, aus dem im Jahre 1159 in einer weiteren Bulle der Name „villa Enelinghe quinquaginta“ geworden war.

Nun wird gerne der Versuch unternommen, diese Eintragungen als die erste urkundliche Erwähnung unseres Nachbardorfes Eggelingen zu „verkaufen“. Dem widerspreche ich, indem ich auf eine Erwähnung Eggelingens in einer Urkunde von 1237 hinweise, wo ein „Menze de Egkelin“ in einem Vertrag zwischen dem Harlingerland und Bremen genannt wird 2). Der Bezug zum heutigen Ortsnamen Eggelingen ist also bereits zu diesem Zeitpunkt sehr ausgeprägt.

Eine Beziehung ist aber zu Toquard herzustellen. In dem Buch „Die Einwohner des alten Amtes Wittmund“ von Eva und Heyko Heyken findet man den Herd „Die Klinge“ unter Nr. 2 der Hausleute zu Toquard verzeichnet. Was viele gar nicht wissen: Toquard gehörte ursprünglich zum Glockenschlag Wittmund (das sind die Ortschaften um Wittmund ohne eigene Kirche). Dann beanspruchte jedoch die Kirche zu Eggelingen die Zuständigkeit für sich; mit Erfolg, denn in den 1651/52 beginnenden Kirchenbüchern Eggelingens ist auch Toquard mit verzeichnet. Auch die Register der Verwaltung führen dementsprechend Toquard ab 1663 im Anschluss an Eggelingen 3). Nun erhält es auch einen Sinn, dass im Jahre 1662 der ostfriesische Graf den Landvermesser Johann v. Honaert beauftragte, eine genaue Karte von Klinge 4) mit seinen Ländereien anzufertigen, die er bereits im Jahre 1598 als Folge der Verschmelzung des Harlingerlandes mit Ostfriesland „geerbt“ hatte.

Wir haben es also der irrigen Annahme, dass Toquard schon immer zu Eggelingen gehörte, zu verdanken, dass „Villa anaclingun“ als erste urkundliche Erwähnung Eggelingens in Betracht gezogen wurde. (Vergleiche auch Ehrentraut, Fries. Archiv II, S. 297 ff., wo ein Versuch gemacht wird, die in der päpstlichen Bulle von 1124 genannten Orte, u. a. „Villa anaclingun“ = Eggelingen, zu erklären.)

Die geschichtliche Einteilung Klinges muss in vier Epochen gesehen werden. Die erste beginnt mit der Gründung als Vorwerk des Klosters Rastede im 11. Jahrhundert. Die weiträumige Entfernung zum Stammhaus ist in dieser Zeit nichts Außergewöhnliches, auch muss man sich von den heutigen geografischen Vorstellungen freimachen. Klinge gehörte zum Asterga mit dem Hauptort Jever. Eine natürliche Grenze zum benachbarten Wanga mit Wittmund als Hauptort bildete das Crildumer Tief, das sich zwischen dem heutigen Dohusen und Wittmund mit dem Leerhafer Tief vereinigte.

Diese beiden Tiefs mündeten vorher in die weit ins Land ragende Harlebucht, die aber infolge längerer Sturmflutruhe weitgehend verlandet war – trotz fehlender oder unzureichender Deiche. Eine schiffbare Verbindung zur Nordsee war aber durch das Crildumer Tief, das an Klinge vorbei floss und in die Jade mündete, noch gegeben. Ideale Voraussetzungen also, hier das Neuland zu kultivieren und einen landwirtschaftlichen Betrieb zu gründen. So konnten die produzierten Waren und Lebensmittel nicht nur dem Stammhaus zugeführt, sonder auch die über den Eigenbedarf produzierten Erzeugnisse über Stadthäuser in den Handel gebracht werden. Mit der räumlichen Streuung des Grundbesitzes ergab sich eine deutliche Überlegenheit klösterlichen Wirtschaftens gegenüber ortsgebundenen Bauern. Jeder Bodentyp konnte so genutzt werden.

Der zirka 1000 n. Chr. einsetzende Deichbau konnte jedoch nicht verhindern, dass diese „Idylle“ im 14. Jahrhundert empfindlich gestört wurde. Schwerste, kurz aufeinander folgende Sturmfluten, hier sei vor allem die Dionysii-Flut von 1362 genannt, trieben die Harlebucht weit ins Land hinein und machten erst vor einer natürlichen Grenze, einen Geestrücken in Höhe von Sandel, halt. Asel war jetzt eine Insel in dieser Bucht, aber der Untergang Klinges war besiegelt, denn dieses Vorwerk lag ungeschützt in der niedrigen Marsch.

Damit war die erste Epoche beendet, die zudem eine weitgreifende Gebietsveränderung mit sich brachte. Das Gebiet um Klinge und Asel wurde aufgegeben und ausgedeicht. Gleichzeitig setzte die Zeit der Häuptlinge ein, die sich aus einflussreichen bäuerlichen Familien herausbildeten.

In Wittmund dominierten die Kankenas, und sie waren es auch, die als erste die Gunst der Stunde erkannten. Nachdem sie aus ihrer Burg Wittmund vertrieben worden waren, suchten sie Ersatz. Hier bot sich das inzwischen wieder „trockengefallene“ und herrenlose Klinge an, zumal man von dort auch die Wittmunder Besitzungen im Auge behalten konnte. Das zerstörte Haus wurde als Steinhaus neu angelegt und mit einem tiefen Wassergraben umgeben. Weiträumig wurde um Asel herum ein Ringdeich angelegt, weil man inzwischen wusste, wie man das Wasser innerhalb des Deiches loswerden konnte, nämlich durch eine Schleuse. Die Ortsbezeichnis Schluis zwischen Asel und Eggelingen gibt noch heute Zeugnis davon. Gleichzeitig soll dort ein Hafen angelegt worden sein, so dass man über das Crildumer Tief weiterhin Zugang zur Jade hatte. Neben der Landwirtschaft konnte so auch hier reger Handel über den Wasserweg betrieben werden. Diese Zweigleisigkeit ermöglichte den Häuptlingen eine dominierende Rolle einzunehmen.

Es ist nicht mit absoluter Sicherheit zu beweisen, dass Klinge eines der bei Balthasar Arends erwähnten zwei Aseler Kankena-Burgen war, aber alles spricht dafür, denn das 1724 neu errichtete Haus birgt eine wesentlich ältere Substanz. Der quadratische Keller aus dem 14./15. Jahrhundert ist ebenerdig, was auf eine ursprüngliche Wasserburganlage schließen lässt 5).

Ein weiteres Indiz für diese These ist die Tatsache, dass mit dem Anschluss des Harlingerlands an Ostfriesland im Jahre 1600 (Berumer Vergleich) „Die Klinge“ an den ostfriesischen Grafen fällt. Dieser lässt seine neuen Besitzungen genauestens kartografieren und mit Zeichnungen versehen, woraus ersichtlich wird, dass tatsächlich auf Klinge ein Steinhaus bestanden hat, bevor es 1724 einem Neubau weichen musste.

Am 6. Februar 1676 verkauft Graf Edzard Ferdinand das „Adelig freie Gut die Klinge“ an den Esenser Drosten Timan Joh. von Linteloh. Ein Jahr später wird Johann Hinrich de Martels, Drost zu Wittmund, neuer Besitzer von Klinge. 1683 kauft Timan von Linteloh den Besitz zurück, der durch Erbfolge auf seinen Sohn Eberhard Friedrich Baron von Linteloh übergeht.

Thomas Epke Cramer heißt ab 10. Juli 1713 der neue Besitzer von „Die Klinge“, der von Fürst Georg Albrecht die Gewährung sämtlicher mit dem Hof verbundenen Freiheiten bestätigt bekommt. Diese gehen am 10. Januar 1736 auf die Tochter Cramers, Margarethe Cramer, über. Sie heiratet den jeverschen Bürgermeister Classen und vermacht ihrer Tochter Charlotte Sophie Margarethe Classen am 14. Oktober 1769 das Gut. Abermals werden, diesmal von der Königl. Preuß. Regierung in Aurich, der neuen Besitzerin alle am adeligen Gut anklebenden Rechte und Gerechtigkeiten bestätigt.

Ab Mai 1786 wird „Die Klinge“ von dem Hausmann Hajo Harms Oncken gepachtet und am 31. Mai 1798 von ihm käuflich für 7000 Reichsthaler erworben. Für 400 Reichsthaler wurden die dem Gut anstehenden Freiheiten und Rechte weiterhin gewährt 6). Seitdem war das ehemals klösterliche Vorwerk, das nacheinander eine Kankena-Wasserburg, ein adeliges freies Gut und zuletzt ein privat genutztes Bauernhaus war, im Besitz der Familie Oncken, die sich im geschichtlichen Ambiente des Hauses nahtlos einreiht: Sie kann ihre Vorfahren mindestens bis zum ersten evangelischen Prediger Asels, Mamme Folcardus zurückführen. Dieser wurde im Jahre 1498 in Middoge geboren und entstammt vermutlich dem dortigen Häuptlingsgeschlecht.

Am 1. Mai 1996 ist „Klinge“ verkauft worden. Nach anfänglich intensiven Umbauarbeiten (wie es heißt, sollen hier drei Wohnungen geschaffen werden) sind diese Arbeiten seit geraumer Zeit zum Stillstand gekommen.

Die Arbeiten sind inzwischen fertig; es entstanden hier mehrere Wohnungen für ältere Menschen, ein so genanntes begleitetes Wohnen wird hier angeboten.

 

1) Ostfriesisches Urkundenbuch I, 7
2) Houtrouw, S. 389
3) Eva und Heyko Heyken: Die Einwohner des alten Amtes Wittmund
4) E. Pühl: Backsteinbauten des 15.-17. Jahrhunderts in Ostfriesland und Jeverland, s. 34 und 35
5) Chronik der Familie Oncken

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Stephan Janßen
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